Leben mit der Kirche

Vergessen?

Irgendwo liegen sie auf jedem Friedhof herum, versteckt, manchmal …ggggg

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Zum Abschied gehört mehr als rückwärtsgewandte Erinnerung

 

Irgendwo liegen sie auf jedem Friedhof herum, versteckt, manchmal überwuchert, vor allem aber vergessen: Grabkreuze und Grabsteine haben eine kurze Halbwertzeit. Gemessen an ihrer einstmaligen Bedeutung und dem Preis verschwinden sie einigermaßen schnell und nachhaltig von der Bildfläche. Sind die Gräber nach Ablauf der Nutzungsdauer eingeebnet, werden die Grabsteine nicht mehr benötigt. Mit einigem Glück dienen sie als Bausteine wie beim ersten Bau der Dresdner Frauenkirche. Oder sie bleiben – weil künstlerisch bemerkenswert – als Ausstellungsstücke irgendwo auf dem Friedhof stehen.
Bemerkenswert fand ich ein Grabsteingrab auf dem Friedhof in Ahrenshop. Dort gemeinsam aufgestellt, erzählen sie immer noch von den Menschen an die sie einmal auf deren Grab erinnert hatten.

Ein solches Denkmal stemmt sich auf kreative Weise gegen eine Entwicklung, die unter uns grassiert wie eine Epidemie: das sang- und klanglose Vergessen. In den letzten Jahren steigt die Zahl der verstorbenen Gemeindeglieder, zu deren Gedenken keine Trauerandacht mehr gefeiert werden konnte. Nach dem Tod erfolgte die sofortige Überführung zur Einäscherung und eine gänzlich anonyme Beisetzung. Sprachen Verstorbene zu Lebzeiten davon, bei ihrer Beerdigung kein Aufheben zu wollen, dachten sie wohl kaum an solch einen völlig unbedachten Abschied.
Kein Aufheben machen und unbedacht beerdigen, ist nicht dasselbe. Jede Trauerandacht in noch so kleinem Rahmen erinnert Angehörige und die Gemeinde daran, dass Verstorbene ganz unverwechselbar waren. In jedem Fall bleiben sie von Gott geliebt. Ob ein Leben gelungen war oder nicht, dies zu bewerten, steht allein Gott zu. Auch daran erinnert die Trauerandacht und sie ermahnt die Lebenden ihre eigene Endlichkeit zu bedenken.
„Einfach so“ beerdigt werden: hinter solch einem Wunsch steht in den meisten Fällen die Frage nach den Kosten von Beerdigung, Gräbern und Grabpflege. Nur die Wenigsten wollen aus diesem Leben spurlos und völlig unbegleitet verschwinden. Gerade darum verlangen die eigenen Wünsche schon zu Lebzeiten nach Klärung . Das Thema ist so wichtig, dass es sorgfältig bedacht und mit Angehörigen rechtzeitig besprochen sein will. Und: Der letzte Wille – auch der zur eigenen Beerdigung – muss unmissverständlich und bekannt sein. Ob Familie, Nachlassverwalter oder Bestatter, Kirchengemeinde oder Pfarrer: irgendwer sollte eingeweiht sein, wo der letzte Wille zur Beerdigung zu finden ist. Dabei ist Klartext gefordert! In blumigen Worten versteckte Wünsche lassen viel zu viel Raum für Missverständnisse.

Zur Würde jedes Menschen gehört ein angemessener Abschied, wie auch immer der gestaltet wird. Angemessen heißt: Für eine Zeit unterbricht der Tod das Leben. Betroffene halten inne und sind der Endlichkeit und Tod ausgesetzt. Und sie stellen sich der Frage nach dem was bleibt. Beantwortet wird sie allein durch die Erinnerung an gemeinsam Erlebtes sicher nicht. Erinnerungen verblassen schneller als beteuert. Darum ist es gut, dass uns jeder Tod an Jesus erinnert. Er stirbt unsern Tod und er stirbt ihn zur Unzeit des Lebens. Aber durch seine Auferstehung siegt das Leben über den Tod. Diese Erinnerung ist der Zukunft zugewandt. Sie erlischt nicht mit dem Leben eines letzten Angehörigen sondern wird durch den Glauben an Jesus Christus zur lebendigen Hoffnung. Jede Trauerandacht erinnert an die Zukunft, an die der Verstorbenen und an die der zurückbleibenden Angehörigen. Noch dazu bildet sie den Rahmen für einen Abschied in angemessener Würde. Ein Abschied ohne diese Zukunftserinnerung lässt aller rückwärtsgewandten Erinnerung zum Trotz die Hoffnungslosigkeit siegen. Dazu passt die Form der unbegleiteten, anonymen Beisetzung. Sie ist letztlich würdelos. An der Art und Weise wie wir mit unseren Toten und Schwächsten umgehen, entscheidet sich die Frage nach der Menschlichkeit unserer Gesellschaft. Zugleich bezieht der Respekt vor Verstorbenen die Frage nach der Bestattung mit ein. Keine Gesellschaft, und sei sie noch so sehr von bitterer Armut geprägt, „entsorgt“ ihre Verstorbenen vor allem mit Gedanken über die entstehenden Kosten.

Am Ewigkeitssonntag gedenken wir besonders der Verstorbenen des zu Ende gehenden Kirchenjahres. Für viele ist das mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden. Als christliche Gemeinde erinnern wir uns in den Gottesdiensten des Tages daran, dass Gott Herr über Lebende und Tote ist. Darum befehlen wir unsere Toten seiner Gnade an. Uns selbst vergewissern wir der Hoffnung, dass wir auch jenseits der Todesgrenze eine Zukunft haben, Jesus Christus sei Dank.
Weil wir das glauben, gedenken wir als Gemeinde besonders der Verstorbenen, die ohne die Erinnerung an unsere Hoffnung bestattet wurden. Sie sind von Gott nicht vergessen und auch nicht von seiner Gemeinde.

Uwe Brühl
Gemeindebrief „an lenne und else“, 12.2010

In jedem Fall aber gilt: auf der grünen Wiese gibt es sowohl Urnen- als auch als Sarggräber.
Und unsere Trauerkultur? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass vor allem die ältere Generation die Veränderungen herbeiführt. In einer Art Vorweggehorsam bestimmen die Senioren Trauerandachts– und Bestattungsform für den Fall der Fälle.
Zweifellos sind sie dabei geprägt durch eigene Erfahrungen. Häufig haben sie selbst über viele Jahre Gräber gepflegt und die Pflege schließlich als Last empfunden. Die Ruhezeiten auf heimischen Friedhöfen sind mit 30 Jahren sehr lang. (Sie richten sich übrigens nach der Bodenbeschaffenheit und werden behördlicherseits festgelegt.)

Solch einen Pflegemarathon möchte man den eigenen Kindern, erst recht weiteren Angehörigen ersparen. Außerdem erschaudern viele bei dem Gedanken, ihr eigenes Grab könnte ungepflegter Schandfleck eines Friedhofs werden. Also äußern sie den Wunsch nach einer Feuerbestattung und Beisetzung auf der grünen Wiese, pflegefrei.
Gut, wenn man vorher miteinander auch über dieses Thema gesprochen hat. Leider geschieht das nicht immer und es geschieht nicht immer zweifelfrei. Manchmal erfahre ich bei Trauerbesuchen, wie schwer sich Hinterbliebene mit den Wünschen ihrer verstorbenen Angehörigen tun. Ohne weiteres sollen sie jedenfalls nicht unter der Wiese verschwinden.

Also erzählt jedes Gemeinschaftsfeld, jede anonyme Grabanlage auch davon, dass Menschen einen Ort für ihre Trauer brauchen und suchen. Immer wieder liegen Blumen nämlich auf den Gräbern und nicht an den dafür vorgesehenen Stellen. Immer wieder erzählen mir Angehörige und Bekannte, wie sie sich den Bestattungsort Verwandter oder lieber Freunde auf der Wiese merken: „Am dritten Stein drei Schritte nach links und dann im neunzig Grad Winkel vier Schritte nach rechts…“
Solche Äußerungen sprechen Bände: mögen sich Bestattungsformen nachvollziehbar ändern, Formen der Trauer änder sich nicht so schnell. Nicht nur darum wäre es gut, wir wüssten um den letzten Willen lieber Menschen, weil wir uns darüber austauschten.
Dazu gehört auch, dass wir nicht verschweigen, warum Abschied und Gemeinschaft zusammen gehören: Trauergäste ehren durch ihre bloße Anwesenheit liebe Verstorbenen. Leid kann erst gemeinsam getragen werden, wenn es geteilt wird! Und ein Grab, ja ein Friedhof ist wichtiger Ort nicht nur für trauernde Angehörige.

Uwe Brühl
Gemeindebrief „an lenne und else“, 12.2009

 

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